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SLIME Interview: "Wir nehmen uns selbst nicht so ernst"

SLIME Sänger Dirk Jora im Gespräch.

Slime haben sich erneut wiedervereinigt. Dirk, Elf und Christian sind aus der alten Slime Besetzung und dazu gekommen sind Nici und Alex von den Mimmis. Vor eineinhalb Jahren traten sie nach 15 Jahren wieder auf dem Ruhrpott Rodeo auf und haben seit dem einige Konzerte gespielt. Nun haben Slime ein neues Album aufgenommen, das am 15.6. bei People Like You erscheint. Alle Songtexte sind Gedichte des von den Nazis ermordeten Anarchisten Erich Mühsam (1878-1934).

Ich habe Dirk, den sympathischen Sänger der Band in Dortmund bei seinem Label getroffen. Weil Elf und Christian im Konferenzraum ein Interview für ein Lokalradio gaben, haben wir uns auf der Dachterrasse über Slime, linke Politik, die Occupy Bewegung, den FC St. Pauli, die Toten Hosen und vieles mehr unterhalten. Das Interview lief wie ein Gespräch unter Freunden ab, völlig uneitel und locker, keinerlei Starallüren, einfach der nette Punkrocker und St. Pauli Fan von neben an.

Hallo Dirk, Slime sind wieder zurück.

Dirk: Ja und zwar richtig zurück, mit neuen Sachen und nicht nur mit dem ganzen alten Kram, wie in den letzten eineinhalb Jahren.

Empfindet ihr euch wieder als feste Band, oder seid ihr ein Bandprojekt?

Dirk: Slime ist eine Band und kein Projekt. Sonst hätten wir nach einem halben Jahr aufgehört. Am Anfang wollten wir ein paar Festivals spielen und dann mal sehen. Mir war besonders wichtig im eigenen Stadion bei 100 Jahre FC St. Pauli zu spielen. Es ist doch klar, das war für mich der Hammer. Im Stadion vor 21 000 Leuten zu spielen. Das waren für mich die besten 30 Minuten meines Lebens, sorry Ladies.

Als wir unsere ersten Konzerte spielten, haben wir natürlich nach den Publikumsreaktionen geschaut. Wichtig war uns, dass es nicht nur ein Klassentreffen war. Natürlich war es das AUCH. Klar du feierst dich auch selber ab, aber dann waren auf einmal unheimlich viele Kids dabei, die hinterher kamen und uns sagten: „Hey, ihr löst euch jetzt nicht einfach wieder auf. Wir haben euch jetzt endlich entdeckt.“ Das hat uns natürlich nach vorne gepusht. Am Anfang waren wir selber unsicher.

Ein ganz wichtiger Punkt sind natürlich Alex und Nici in der Band. Die beiden sind nicht zwei Studiomusiker, die wir mal eben für fünf Shows eingekauft haben.

Elf und Nici sind auch ein Paar. Und unser Punk-im-Pott-Alex (anm.: Alex ist der Veranstalter vom Punk im Pott und Ruhrpott Rodeo Festival) ist einfach ein super Typ. Das sind einfach Freunde von uns. Das bringt dich dann auch dazu zu sagen: „Wow, wir sind `ne Band.“

Also Slime 3.0?

Dirk:  Genau, sehr schön. Wir sind die dritte Slime-Generation.

11.11.10: SLIME auf Reunion Tour: "Wow, wir sind ´ne Band"

Wie geht es dir persönlich dabei? Bist du wieder Slime? Bist wieder ganz drin oder ist das heute alles ganz anders für dich?

Dirk: Nein, überhaupt nicht. Letztendlich, das wogegen wir singen und das wogegen Erich Mühsam geschrieben hat, das ist ja das gleiche geblieben, das hat mich mein Leben lang begleitet. Ich war ein politisch engagierter Mensch. Ich sehe, das heute die Texte von Mühsam so aktuell sind, wie vor 100 Jahren. Das hat er sich wahrscheinlich auch nicht träumen lassen. Das meine ich aber im negativen Sinne.

Aber wie ist es so als Frontmann von Slime auf der Bühne?

Dirk: Wenn du da vorne so stehst und 1000 Leute grölen den Refrain von „Alle gegen alle“ oder die ersten drei Töne vom Basslauf von „Deutschland muss sterben“ ertönt und der Mob hängt unter der Decke, ich meine, was gibt es denn geileres. Jetzt versteh ich deine Frage: Ja, ich bin wieder richtig drin. Dazu ist die Musik einfach zu geil.

Jetzt habt ihr Texte des Anarchisten Erich Mühsam gewählt. Wie seid ihr auf ihn gekommen?

Dirk: Die Idee ist nicht neu. Außerdem haben wir das Rad nicht neu erfunden. Wenn du bei Youtube guckst, dann rattert das bei Mühsam nur so runter. Aber meistens sind es Singer/Songwriter wie Degenhard oder Hannes Wader. Die rezitieren alle nur. Erich Mühsam habe ich schon gelesen, als ich angefangen habe politische Literatur zu lesen. Ich bin ja schon so alt, dass wir hier von 1976 reden. Mühsam hatte für mich immer schon eine Relevanz.

In der Between-Zeit, als Slime ruhte, hatten wir ja Rubberslime als Band und da haben wir uns schon einmal an Mühsam herangemacht und haben das „Soldatenlied“ aufgenommen. Da haben wir gesehen, dass das funktioniert. Man kann solche Texte auch auf einer anderen Ebene machen, nicht so wie "Ute Lemper singt Brecht" oder "Die Toten Hosen singen Brecht/Weil", wo du immer merkst Campi rezitiert nur. Ich will das gar nicht abwerten, einfach nur als eine Bestandsaufnahme. Für uns hat Mühsam eine direktere Bedeutung. Und dann standen wir auch zusätzlich seit einem Jahr vor dem Problem, dass Stephan nicht mehr dabei ist, der die meisten Slime Texte geschrieben hat. Texte schreiben ist ein Talent, das mir nicht gegeben ist und Elf auch nicht. Elf schreibt großartige Songs und ich kann sie da vorne rüberbringen. Ich habe immer Texte von anderen Leuten gesungen, es waren nie meine Texte, auch wenn es bandinterne Texte waren. Ich singe jetzt auch Texte von jemand anderem, für mich ist das kein großer Schritt.

Ich habe noch die alten DDR Platten mit Liedern von Mühsam, die von Ernst Busch gesungen wurden. Die Sprache klingt schon alt, kann man in der heutigen Zeit noch so singen?

Dirk:  Du bist schon der Zweite, der das heute sagt. Micha [vom Plastic Bomb] sagte auch, dass er mit der Sprache nicht konform geht. Mir geht das nicht so. Für mich war das ganz organisch, völlig natürlich diese Texte zu singen. Das liegt vor allem an den Refrains. „Sich fügen, heißt Lügen.“ oder „Wir geben nicht nach, im Kampf für Anarchie“, das sind für mich Slime Texte, das sind Slime Refrains. Ich bin jemand, der immer viel gelesen hat, der immer eloquent war. Eloquenz ist mein zweiter Vorname. Ich lege viel wert auf Sprache und das ist ein sehr hohes Niveau. Natürlich ist das eine alte Sprache, es ist eben diese Kampfrhetorik. Dieser Kampf war auch Teil meines Lebens, ich war in Brockdorf am AKW als es abging, Hafenstraße usw. Die Form ist einfach anders, aber die Inhalte sind dieselben, das ist mir wichtig. Für mich war das überhaupt kein Problem. Ich habe einen Heidenspaß diese Texte zu singen.

"Ich singe nicht wie Marcus Wiebusch nur noch Betroffenheitspop"

Und ihr habt die Hoffnung, dass auch junge Leute mit dieser Sprache zurechtkommen?

Das ist natürlich das Fragezeichen vor dem wir stehen. Aber es funktioniert natürlich über den Chorus, über den Refrain: „Wir geben nicht nach“, „Zum Kampf vereint“, das ist genauso eingängig wie „Deutschland muss sterben“ oder „Wir wollen keine Bullenschweine“. Danach kommen die Strophen und wir haben die Hoffnung, den ein oder anderen darauf zu stoßen. Aber klar, das ist für uns ein großes Fragezeichen.

Die neue Platte wird als „klärender Faustschlag im diffusen Occupy Zeitalter“ beworben. Was ist deine Kritik an der Occupy Bewegung und was setzt du dagegen?

Zunächst mal alle Sympathien für Occupy. Endlich wird etwas gemacht, man hatte schon das Gefühl alles schläft ein. Je härter der Kapitalismus zuschlägt, je weniger läuft. Es ist ihm auch gelungen durch Werbung, Fernsehen usw. die Leute einzuschläfern. Die Occupy Bewegung ist für mich eine Middleclass Bewegung und die Bewegungen in denen ich mich bewegt habe, politisch oder vom Punkrock her, kamen doch von weiter unten. Das führt mich nicht dazu die Occupy Bewegung zu verdammen und abzulehnen. Aber ich gehe erst einmal einen Schritt zurück und beobachte. Aber Slime lehnt auf keinen Fall die Occupy Bewegung ab.

Diese Promo sind markige Worte, das war uns doch völlig klar, das geht in Ordnung, aber wir nehmen das auch nicht ernst. Wir nehmen uns doch selbst nicht so ernst. Das haben Teile der linken Szene auch nicht immer begriffen. Wir sind doch keine Agitprop Band. Wir haben doch auch „Karlsquell“ gesungen.

Ihr habt euch immer in der Nachfolge von "Ton, Steine, Scherben" verstanden. Was sagt dir solch eine Textzeile heute: „Reisen kaufen, Autos kaufen, Häuser kaufen, Möbel kaufen. Wofür? Macht kaputt was euch kaputt macht.“

Dirk: Ich höre das immer noch und komme mir dabei nicht ewig gestrig vor. Ich höre jetzt nicht täglich Scherben, aber nehmen wir mal das Jolly Roger, die St.Pauli Fan Kneipe schlechthin: Jedes Wochenende sind dort DJs und Ton,Steine,Scherben sind ein fester Bestandteil jedes DJ Programms im Jolly Roger. Und da haben wir auch Jungspund USPler oder Ultras, das ist ja eher unsere Kinder Generation. Also ich komme mir dabei nicht altmodisch vor. Nicht jeder einzelne Text, den Rio Reiser gesungen hat, hat heute noch die Relevanz, die er damals hatte. Dieses Aufruhr Lebensgefühl ist heute so nicht mehr da, aber ich habe mich nicht ins bürgerliche Lager zurückgezogen und singe wie Marcus Wiebusch jetzt bei Kettcar nur noch Betroffenheitspop. Letztendlich höre ich sowieso rückwärtsgewandte Musik. Ich habe mir gerade Led Zeppelin komplett nachgekauft. Ich höre Social Distortion und skandinavischen Schweinerock, wie die Hellacopters, das hört Elf auch, oder Rockabilly wie die Stray Cats und so`n Zeug. Diese Musik ist schon so zehn bis 38 Jahre alt. Da passen die Ton, Steine, Scherben total gut rein.

Du bist  ein politisch aktiver Mensch…

Ja, aber ich bin nicht mehr so aktiv wie früher. Unser Medium Politik zu machen war vor allem Slime. Ich habe Slime immer als unsere Art von politischem Handeln begriffen. Ich habe damals ganz bewusst gesagt, du musst dich hier zurückziehen. Diese Politik hat mein ganzes Leben bestimmt und da sind auch persönliche Beziehungen auf der Strecke geblieben. Da habe ich festgestellt, dass es so nicht hinhaut. Dann bin ich ein paar Schritte zurück gegangen, habe meine Aktivität etwas in die St. Pauli Fanszene verlagert. Ich bin einer von etwa 200 Fans gewesen, die St. Pauli zu dem gemacht haben, was St. Pauli heute ist. Das klingt vielleicht arrogant, aber das ist nun mal so gewesen. Das weiß ja keiner von den 17jährigen USPlern. Ich habe damals den Schädel hingehalten. Jeder Nazi im Umkreis von 50 km wollte uns Zecken erwischen. Das war eine durchaus politische Geschichte, die wir bei St. Pauli durchgezogen haben. Es war etwas total Neues, das wir das Vereinspräsidium dazu gebracht haben, eine Stadionordnung, die gegen Homophobie und Rassismus ist, zu verabschieden. Das gab es noch nirgendwo. Wir waren 200 Gleichgesinnte, die ihr Gehirn nicht am Eingang abgegeben haben und trotzdem schwere Fußballfanatiker waren. Ich bin ein Fußballfanatiker. Ich bin kein „Pauli Fan“, der nur aus Attitüde hingeht. Wenn ich sehe, das Leute nur aus Attitüde kommen und 90 Minuten den Kopf quer haben und quatschen ohne auf das Spielfeld zu sehen, dann kriege ich die Motten. Wir sind eben auch Fußballfans. Bei uns ging die politische Haltung und Fußballfan sein Hand in Hand.

Gestern hat der FC St.. Pauli Hansa Rostock geschlagen, warst du im Stadion?

Dirk: Ich habe in 27 Jahren keine zehn Spiele verpasst. Jetzt wo es wieder auf Tour geht, wird es wieder etwas schwieriger. Vor eineinhalb Jahren waren wir in München auf einem Konzert und Ingo aus Bremen, der uns hilft, hat das Spiel auf Handy verfolgt und mir dann einen großen Zettel gemacht: St.Pauli 1 – Kaiserlautern 0. Dann bin ich mitten im Gig mit dem Zettel nach vorne und habe den Zettel hochgehalten, "Nachricht aus der Heimat". Auf der Bühne zu stehen und nicht im Stadion zu sein ist für mich echt schwer. Ich weiß nicht, ob du das Buch von Nick Hornby „Fever Pitch“ kennst? Ich habe mich in dem Buch wiedergefunden. Ich bin der totale Fußballfanatiker.

"Ich habe immer Texte von anderen gesungen"

Als politisch interessierter Mensch, was sind deine Informationsquellen?

Dirk: Komischerweise viel Videotext. Ich habe mich von der taz irgendwann abgewandt. Also die Zeitschrift, die ich am längsten lese, das ist die „Titanic“.  Ich habe heute noch die erste Ausgabe von 1979. Ich bin sogar ganz stolz, selbst mal einen kleinen Artikel untergebracht zu haben. Ich bin ja kein großer Schreiber, aber einmal ist mir gelungen einen Brief an die Leser unterzubringen. Da habe ich 30 € bekommen und ein Belegexemplar. Das Geld habe ich sofort versoffen, aber es hat mich total stolz gemacht, meinen Text in der „Titanic“ zu sehen.

Printmedien finde ich schwierig, die „Hamburger Morgenpost“ ist auch nur eine bessere Bildzeitung. Meine Nachbarn versorgen mich immer mit dem „Stern“. Merkwürdigerweise finde ich den teilweise gar nicht schlecht. Wenn ich ihn mit dem Bewusstsein, was man da in der Hand hat, lese, dann kann ich mir manchmal aus den Stern Artikeln etwas herausziehen.

Wie stehst du zu Social Networks alla Facebook?

Dirk: Nullo, absolut nullo. Ich bin so oldschool. Ich kann es nicht begreifen, dass Leute aus meinem Bekanntenkreis mit denen ich Protestaktionen gegen die Volkszählung vor 25 Jahren gemacht habe, heute bei Facebook sind. Die Volkszählung war dagegen ein Witz, die Leute offenbaren ihr ganzes Leben. Nenn mich oldschool, ich begreife nicht, wie man dort sein Leben ausbreiten kann. Natürlich muss man einen Unterschied machen, zwischen Band und Privatperson. Als Band brauchst du natürlich eine Plattform, du willst deine Inhalte transportieren, dann musst du die Möglichkeit nutzen. Aber ich persönlich, Nullo.

Ihr spielt dieses Jahr auf einer Reihe von Festivals. Wie geht ihr an Auftritte wie dem AREA4 Festival heran, wo der größte Teil des Publikums vermutlich nicht von eurer Vergangenheit weiß?

Dirk: Das glaube ich nicht. Das beste Beispiel in der jüngsten Vergangenheit ist das Wacken Festival. Der Auftritt in Wacken war das größte Fragezeichen der Bandgeschichte. Dann spielten wir auch noch zeitgleich mit Airborn, die gerade angesagte AC/DC Nachfolge oder was auch immer. Wir haben nur im Zelt gespielt, aber da passen auch mal 4000 Leute rein. Das Zelt war total voll und ist völlig weggeflogen. Ich will uns nicht überschätzen, aber ich glaub auch auf dem AREA4 werden Leute den Refrain von „Deutschland muss Sterben“ mitsingen können. Natürlich bleiben solche Auftritte immer Fragezeichen. Dagegen ist das  Ruhrpott Rodeo ein Heimspiel.

Wählt ihr für das AREA4 andere Songs aus?

Dirk: Nee, eigentlich nicht. Wir haben ein Festivalprogramm und das steht. Wir spielen gar nicht so viele Festivals, weil unsere neue Platte erst am 15.06. mitten in der Festivalsaison heraus kommt. Viele Festivalveranstalter haben gesagt, wir müssen die Scheibe erst hören, geht die Scheibe ab, dann ist nächstes Jahr alles klar. Dieses Jahr sind es: Oi Festival, Spirit from the Streets, Ruhrpottrodeo, AREA4 und noch so`n Ding. Dann kommt die Tour, genau wie vor zwei Jahren im Oktober/November.

Und dann spielt ihr auch in kleineren Clubs?

Dirk: Na ja was heißt kleinere Clubs? Der kleinste Club ist ein 500er in Göttingen und dann hoch bis Markthalle, Hamburg mit 1200 Leuten. Wir spielen halt in der zweiten Liga, Ärzte, Hosen oder auch Deichkind spielen halt in einer eigenen Liga. Aber ich will dir sagen, das ist auch genau die Größe, die wir mögen. So ein Festival ist schön und gut, immer frische Luft, viele Leute, die du auf einen Schlag erreichst, aber für mich ist so ein Laden wie das SO36 mit 850 Leuten perfekt, der Laden schwitzt und geht ab. Das ist einfach eines unserer Wohnzimmer, neben der Hamburger Markthalle.

Die Toten Hosen feiern dieses Jahr 30-jähriges. Was bedeutet diese Band für dich?

Dirk: Ich war gerade vorletzte Woche da. Die Hosen haben auf einem Boot auf der Elbe gespielt. Die Hosen sind nie eine Band gewesen, die für mich besonders relevant war. Die alten Sachen mag ich, später war es nicht mehr so meins. Ich will nichts Schlechtes über die Band sagen. Wir sprechen hier nur über Geschmack. Mein Verhältnis zu Campi ist wunderbar. All die Gerüchte von Feindschaft sind Quatsch. Campi und ich haben uns tierisch lange unterhalten und waren noch zusammen auf dem Kietz am Hans-Alberts-Platz in der Cobra Bar. Die Hosen haben sofort "Ja" gesagt, als wir vor ein paar Jahren ein Tributalbum herausgebracht haben. Sie spielten „Viva la muerte“. Die Ärzte haben "Nein" gesagt, obwohl wir mit Rod groß geworden sind, er hat für uns gearbeitet, aber sie haben ohne Angabe von Gründen "Nein" gesagt. Dass die Hosen sofort zusagten, das ist ja auch Statement uns gegenüber.

Die Ärzte mag ich besonders in der zweiten Phase als Rod dazu kam, da wurden sie etwas härter: „Schrei nach Liebe“ ist ein wunderbares Antinazilied, da bekamen sie auch richtig Zug. Letztendlich, also nur vom Geschmack her, würde ich mehr zu den Ärzten neigen, aber wir reden nur über Geschmack, nicht über Menschen. Das Verhältnis zu den Hosen ist absolut ok.

Was machst du außerhalb von Slime?

Dirk: Jetzt versuche ich davon zu leben. Ich war fünf Jahre arbeitslos. Dabei ging es mir nicht gut. Habe viele, viele Sachen versucht. Ich habe eine Fortbildung zum Englischübersetzer gemacht, auf dem höchsten Level und mit Auszeichnung bestanden, aber keinen Job bekommen. Das waren harte Zeiten, ich wohne auf dem Land in so einer Hütte. Da wurde mir die Luft schon dünn. Finanziell ist das eine, aber auch das Selbstbewusstsein, du denkst irgendwann, du wirst nicht mehr gebraucht. Das weiß man ja. Aber wenn es einen selber trifft, dann ist das schon was anderes. Jetzt mache ich endlich das, was ich immer machen wollte. Ich versuche davon zu leben, das geht mal besser, mal schlechter. Wir sind halt Slime und nicht Ärzte und Hosen. Ich hoffe auch auf die Platte. Es gibt immer so Phasen. Wenn die Tour kommt, dann kann ich davon leben.

Ich versuche aber weiter einen Job als Englischübersetzer zu bekommen. Du brauchst einfach ein zweites Standbein. Nici hat ihre Kneipe, Alex die Konzerte, Elf kriegt auch noch etwas Gema von Abwärts usw. und Christian ist immer noch Toningenieur. Du brauchst einfach ein zweites Standbein für die Phasen, wo nichts reinkommt. Wir verdienen nicht genug, um etwas zurückzulegen. Aber ich will mich nicht beschweren, das ist eine großartige Sache so eine geile Band mit einer geilen Botschaft und guter Musik zu haben. Und ich kann einigermaßen davon leben. Das ist schon ok.

Ansonsten bestimmt der FC St. Pauli mein Leben. Ich denke nicht in Jahreszahlen, sondern in Fußballsaisons. Ich denke an das Jahr 1994, sondern in der Saison 94/95, da war ich mit Marion zusammen. Ich bin eben einer von den Irren, die Hornby in seinem Buch beschreibt.

Was sind deine/eure weiteren Pläne?

Dirk: Die Band steht auf Platz 1. Das Album wird jetzt promotet, dann die Tour. Das bestimmt auch mein persönliches Leben. Wir wollen uns in Zukunft auch ein paar Sachen gönnen. So wollen wir nächstes Jahr auf dem Rebellion Festival in Blackpool spielen. Wir wollen auch in Glasgow spielen. Ich bin auch seit 22 Jahren Celtic Glasgow Fan. Wir wollen auch mal in anderen Städten und Ländern spielen, auch wenn es dort nicht viel Geld gibt. Aber jetzt kommt erst das neue Album und die Band bestimmt einfach unser aller Leben.

Willst du zum Abschluss noch etwas sagen?

Dirk: Letzte weise Worte? Nee lass mal. Ich glaube das lassen wir mal.

Vielen Dank Dirk, dass du so locker und freimütig über Dich und Slime erzählt hast. Ich wünsche Dir und der Band alles Gute.


Interview: Uwe Bräutigam

Fotos: Promo, Livefotos: Michael Heiber

www.slime.de

 

 

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