Babettes Begegnung der dritten Art
Es ist Ende November. Ich sitze zuhause und fühle mich total tapfer und unendlich vernünftig. Weil ich nicht am 05.12. nach Berlin fahre. Da spielen nämlich meine Cute Lepers. Und Cuties & Berlin = da muss Babette hin!! Eigentlich. Ohne Wenn & Aber. Aber - sie spielen ja nur als Vorband von den Adicts. Ist also kein richtiges echtes Cute Lepers-Konzert, und dann muss das ja nicht sein. Gab und gibt auf der aktuellen Tour ja noch etliche Shows, die etwas näher an Düsseldorf gelegen sind. Und am 23.12. spielen sie zwei richtige echte Cute Lepers-Konzerte in Berlin, nachmittags im Ramones-Museum und abends im Wild at Heart. Und dafür ist natürlich schon alles längst in trockenen Tüchern, dass ich dann in Berlin sein werde. Also muss das ja jetzt, nur als Support für die Adicts, wirklich nicht sein.
Es ist der 4.Dezember. Ich sitze zuhause und finde Vernünftigsein total scheiße!! Und bin natürlich morgen in Berlin! Denn morgen spielen da die Adicts, die mich nicht sehr interessieren, und die Cute Lepers!! Wer stört sich dran, ob als Vorband oder Hauptband - ?! Ich jedenfalls nicht!! Überhaupt gar nicht!!
Es ist der 5.Dezember, und ich bin ganz ganz glücklich! Jetzt gleich spielen meine Cuties in Berlin im Kesselhaus, und ich freue mich riesig!! Und bin ganz stolz auf mich, dass ich so vernünftig war, nach Berlin zu fahren!! Ist es doch einfach nur totaaal schön, Steve und Kicks wieder zu sehen!! Wobei mich während des Konzerts kurzzeitig ein kleiner Wermutstropfen beschleicht, ist es nämlich so, dass hier in Europa nicht Josh trommelt, sondern Chris, und wenn ich mir jetzt 50% der Cuties weg denke, dann stehen da doch tatsächlich 3/4 Briefies auf der Bühne...aber wie gesagt, dieser Wermutstropfen ist schnell versiegt, denn das Konzert ist sooo klasse!! Ich tanze und singe und habe einfach nur Spaß ohne Ende!! Und es ist alles etwas skurril, denn draußen rundherum um das Kesselhaus ist Weihnachtsmarkt, so richtig mit Glühwein und so, also alles, was das weihnachtliche Herz bei Kälte begehrt, und hier drinnen verbreiten die Cute Lepers mit all ihren sonnigen energiegeladenen Hits einfach nur das Gefühl, auf einer sonnigen Sommerparty zu tanzen!! Und ich liiiebe den Sommer!! Schlussfolgernd liiiebe ich die Cute Lepers!!!
Danach spielen die Adicts, ist ansich nicht so ganz mein Fall, ich finde die Musik echt cool, aber all das immer wiederkehrende Zirkuszeremoniell finde ich doof und nervig. Aber heute hab ich auch daran Spaß!
Nach dem Konzert treffe ich noch ein paar Bekannte aus Berlin, und jetzt hab ich auch Lust, mich zu unterhalten, vor dem Konzert bin ich da immer nicht so "aufnahmefähig".
Irgendwann werden wir von den Menschen mit den Besen in den Händen aus dem Kesselhaus hinaus gefegt, doch müde bin ich noch gar nicht. Marita, Fabio, Coco, Pricilla und Kicks geht es ebenso, und so fahren wir alle zusammen noch zum White Trash, setzen uns da an einen Tisch, und lassen den Abend nett ausklingen, bzw. ausklingen lassen wir ihn irgendwie nicht, es ist eher so, dass wir den Abend fortsetzen, und ich fühle mich einfach nur total wohl hier inmitten sooo netter Menschen, als da sind meine Marita, meine weltallerliebste Freundin in Berlin, und Fabio von meinen mir inzwischen ja auch schon ans Herz gewachsenen Radio Dead Ones, und Coco aus dem Wild at Heart, und Pricilla und Kicks von meinen sooo heiss-und innig geliebten Cute Lepers - da kann es mir ja nur prima gehen!!
Ja, und so sitze ich da ganz glücklich und zufrieden mit meiner Cola, da sehe ich aus dem Augenwinkel, dass sich "unserem" Tisch ein Typ mit einem ziemlich hässlichen braunen Trenchcoat nähert. Nein, falsch, dieser Typ nähert sich nicht unserem Tisch, sondern kommt gezielt auf mich zu. Nunja, ansich bin ich ein freundlicher Mensch, aber ich habe sehr oft keine Lust dazu, von Typen mit braunen Trenchcoats angesprochen zu werden. Und so starre ich geradeaus auf den Tisch in meine Cola. Ohne den Typen näher betrachtet zu haben merke ich, dass meine Cola mehr Lebensfreude versprüht als eben jener Mensch, der jetzt direkt neben mir steht. Wieder nur aus dem Augenwinkel heraus bekomme ich mit, dass er sich zu mir herunter beugt, dann folgt ein auf-die-Schulter-klopfen, netterweise (...) drehe ich mich zu ihm um, und er fragt mich "ey. are you Christina?" - "no. I am not Christina.", und schon blicke ich wieder hingerissen in meine Cola. Der Typ geht, und im selben Moment habe ich einen Aha-Effekt!! Ich schau ihm hinterher und höre mich laut denken "Das ist doch Pete Doherty - ?!?", und tatsächlich, ich bin mir sicher, das ist Pete Doherty. Ok, Pete Doherty ist jetzt nicht Iggy Pop oder Mick Jagger oder Madonna, aber ich bin trotzdem total erstaunt. Und kann das gar nicht so richtig fassen. Ich verkünde es allen meinen Tischmitbeisitzern, dass da Pete Doherty steht. Alle schauen sich diesen Typen in dem schäbigen Mantel an. Keine Regung. Keiner glaubt mir, dass das Pete Doherty ist. Ein bisschen später ist meine Cola leer, aber die Blase voll, ich geh zur Toilette, muss an der Theke vorbei, da steht dort wieder dieser Mensch mit dem Trenchcoat, von dem nur ich glaube, dass es Pete Doherty ist. Ich schaue ihn mir nochmal an, ok, ich muss zugeben, ich dachte bisher immer, dass ich Pete Doherty ziemlich hübsch finde - das war auch immer der Grund, warum ich die Babyshambles gerne mal live sehen wollte..., unabhängig davon, dass ich seinen Lebensstil nicht so wirklich nachahmenswert finde. Sofern all das stimmt, was man so über diesen Menschen mitbekommt. Aber hübsch, hm, nunja, dieser Mensch da an der Theke war vielleicht mal hübsch, doch diese seine Art zu leben lässt ihn einfach nur sehr "leer" aussehen, leer, was den Ausdruck in seinen Augen angeht, und rundherum aufgedunsen. Ich habe keine Lust mehr, auf Toilette zu gehen, sondern möchte lieber noch eine Cola, danach lohnt sich ein Toilettengang dann doppelt. Mein Geld ist im Auto, meine Tischkumpane ein paar Tische entfernt, Pete Doherty direkt vor meiner Nase. Ich stelle mich neben ihn und sage ihm, dass ich zwar nicht Christina bin, aber ich hätte so gerne eine Cola, aber mein Geld ist im Auto, und mein Auto steht weit weg, und draußen ist es so kalt, und ich möchte nicht durch den Schnee stapfen, und ob er mir eine Cola ausgibt. Er bestellt eine Cola für mich, bekommt gleichzeitig sein Bier, geht, ich bekomme meine Cola. Eigentlich möchte ich mich noch bedanken, aber irgendwie glaube ich ernsthaft, dass wenn ich mich jetzt bei Pete Doherty für diese Cola bedanken würde, er nicht wirklich wüsste, was ich von ihm will. Und das würde dann nicht unbedingt an meinem beschissenen Englisch liegen.
Also setze ich mich wieder zu meinen Freunden, die aber eigentlich nicht meine Freunde sind, weil sie mir nicht glauben, dass Pete Doherty hier ist.
Irgendwann später betritt dieser Mensch mit dem Trenchcoat die kleine Bühne im White Trash, er hat eine Gitarre umhängen, jemand setzt sich ans Schlagzeug, und Pricilla ist ganz aufgeregt und sagt "hey, that`s Pete Doherty from the Babyshambles!". Ich sage mal einfach nix. Ja, und was dann folgt, ist für mein Empfinden wirklich tragisch. Und auch ekelhaft, was das teilweise anwesende Publikum angeht. Pete Doherty bekommt wirklich nicht mehr viel hin, ansich hat er eine coole Stimme, aber davon ist leider nicht viel zu hören, er fällt mehr so hin und her als dass er steht, und das Publikum, ja, ganz toll, die stehen da und geben diesem Menschen, der eh kaum noch stehen kann, Bier, er trinkt es in einem Zug aus, und die Leute gröhlen und applaudieren. Ich finde es widerlich.
Bei alldem finde ich soll man natürlich nie so die "reale Welt" aus den Augen verlieren, sprich dass es viele Menschen auf dieser Welt gibt, denen es wirklich schlecht geht, und ein Typ wie Pete Doherty, so traurig ich dieses "Schauspiel" auf der einen Seite wirklich empfinde und dieser Mensch mir auch echt leid tut, aber, nunja, es gibt Milliarden Menschen auf der Welt, die weder eine zweite noch dritte...noch -zigtausendste Chance bekommen, ein schönes Leben (er)leben zu dürfen. Und, ja, ein Mensch wie Pete Doherty schmeisst sein Leben einfach so weg.
Sowas macht mich wütend, ich empfinde es als so ungerecht.
- puh, nun aber genug der ernsten Worte und Gedanken.-
Ich möchte diesem "Auftritt" nicht länger beiwohnen, mal ganz unabhängig davon, dass es 5h morgens ist und ich merke, dass ich mal wieder das Essen vergessen habe. Leider gibt es um diese Uhrzeit im White Trash nix mehr zu essen - was sehr schade ist, gibt es da doch den weltallerleckersten vegetarischen Burger!!-, und so müssen Pommes mit Mayo herhalten! Lecker!!
Und irgendwann liege ich dann mit meinem Pommes-mit-3x-Mayo-dazu-Bauch im Bett, und denke noch über diesen doch recht ungewöhnlichen Abend nach und schließe mit dem Fazit, dass ab einem gewissen Zeitpunkt verdammt noch mal jeder selbst für sich und sein Leben verantwortlich ist. Und nicht immer ist die Gesellschaft schuld...!! Ich freue mich über meine mir von mir selbst geschenkte Vernunft, die mich hat zu meinen Cute Lepers nach Berlin fahren lassen!! Und ich freue mich auf den übernächsten Tag, da geht es nämlich zu den Cute Lepers nach Leipzig!! Und ich freue mich auf weitere 5 Cute Lepers-Shows! Und mit diesem wunderbaren Wissen im Herzilein schlafe ich ein.....
Es ist drei Tage später. Ich sitze in einem Auto, welches mich nach Düsseldorf mitnimmt. Ich bin sehr müde. Bin ich doch erst morgens um 7h aus Leipzig wieder bei Marita angekommen, vorab aber noch schnell Mayo mit Pommes in den Magen geworfen. Nicht geschlafen, weil ich ja noch mit Marita frühstücken wollte, bevor es dann für nur 2 Tage zurück in die Heimat geht -aber das ist eine andere ganz ganz schöne glückliche Geschichte!!
Ja, da sitze ich da so müde, aber überaus glückselig im Auto, das Handy klingelt, es ist Marita (zur Erklärung sei kurz gesagt, dass Marita bei dem Konzertveranstalter arbeitet, der das Konzert von Pete Doherthy in Berlin veranstaltet hat, das fand am Abend vor meiner Begegnung mit ihm im White Trash statt.): "Du, die Bild-Zeitung hat mich gerade angerufen, Pete Doherty war heute nacht im Trinkteufel, hat da rumrandaliert, ist rausgeschmissen worden, hat dann zwei Autoscheiben eingeworfen, und sitzt jetzt hier im Knast..." - ohne Worte.
Babette Clone









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